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Schwarz-gelbe Austeritätspolitik: Logik der Schuldenfalle durchbrechen

Prof. Dr. Rudolf Hickel zur aktuellen Debatte über das "Sparpaket" der Bundesregierung.
Jun 8, 2010

Das Einsparprogramm der schwarz-gelben Bundesregierung ist auch im bürger­lichen Lager als der tiefste Ein­schnitt in das staatliche System der Finanzierung sozialer Aus­gaben etikettiert worden. Diese Bewertung ist jedoch statisch, übersieht also die darin angelegte Dynamik. Bemerkenswert ist, dass abgesehen von der Kürzung des Elterngeldes die Beschäftigten im Normal­arbeits­verhältnis praktisch nicht belastet werden. So ist die von der FDP in ihrem "liberalen Sparbuch" geforderte Streichung der steuerlichen Sonder­regelung der Lohn­­zuschläge bei der Schicht-, Sonn- und Feier­tagsarbeit ausgelassen worden. Auch ist die Arbeit­nehmer­pauschale im Bereich der Werbungs­kosten nicht der Spar­politik zum Opfer gefallen. Schließlich bleiben die Bezieher von Renten wohl auch mit Blick auf die kommenden Wahlen ver­schont. In dieser Runde sind es vor die aus dem Arbeits­markt ver­bannten Bezieher von Arbeits­losen­geld I und vor allem die Hartz IV-Betroffenen, die schwer belastet werden. Dadurch wird die Spaltung zwischen den in Normal­arbeits­ver­hältnissen Beschäftigten gegenüber den­jenigen, die aus dem Arbeitsmarkt bereits abgedrängt sind, ver­tieft. Klar ist: Die Logik dieser Ein­spar­politik unter Ver­zicht auf die Ein­beziehung der Ein­kommens- und Vermögensstarken per höherer Steuern wird eine zweite, stärkere Welle der Ein­sparpolitik auslösen. Denn es ist damit zu rechnen, dass die Tabus der ersten Spar­runde gebrochen werden. Neue Ein­spar­programme mit sich ver­stärkenden Belastungen sind die logische Folge einer Politik unter dem Druck der Schulden­bremse. Am Ende führen sie zu einem sich selbst ver­stärkendem Kaputtsparen. Bereits diese Sparrunde wird die ohnehin labile Konjunktur­entwicklung deutlich belasten. Zumindest was die Wirkung dieser ersten Runde einer schwarz-gelben Bundes­diät betrifft, werden die Steuereinnahmen geringer steigen. Dagegen nehmen die Krisen­kosten vor allem auch durch wachsende, nicht existenz­sichernde Jobs zu. Am Ende wird die öffentliche Neuverschuldung im Widerspruch zum erklärten Ziel nicht abnehmen, sondern zunehmen.

Diese schwarz-gelbe Option des Einsparens forciert weitere krisen­ver­schärfende  Einschnitte nicht mehr nur in das Sozial­system, sondern bei den Arbeitseinkommen der Beschäftigten. Spiegelbildlich dazu werden jedoch den öko­nomischen Eliten - im Jargon der Bundes­regierung - weiter­hin "fette Jahre" garantiert.

Dagegen gibt es die Alter­native eines radikalen Aus­stiegs aus dieser Logik, in deren Mittel­punkt der Ader­lass des Sozial­staats gegen­über der Schonung der Wirt­schaft sowie der Ein­kommens- und Ver­mögens­starken steht. Diese Alternative orientiert sich an drei Zielen, mit denen sich auch die aktuelle Schrumpf­politik ver­messen lässt: Arbeit, soziale Gerechtigkeit und Umwelt.

  1. Staatliche Ausgaben müssen nach ihrer Wirkung auf die öffentliche Infrastruktur, die Ent­wicklung der Beschäftigung, soziale Gerechtigkeit und auf ihre ökologische Nach­haltig hin bewertet werden. Die mit dieser Runde ausgelöste soziale Spaltung ist un­übersehbar. Da verdient der Verzicht auf Kürzungen bei den Bildungsausgaben allge­meines Lob. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass sich durch die Streichung des Eltern­gelds bei Hartz IV-Beziehern die monetären Chancen für Kinder, über Bildung dem Teufels­kreis der Armut zu ent­fliehen, massiv ver­schlechtern. Viel­mehr sollten Aus­gaben für öko­nomisch frag­würdige und ökologisch belastende Megaprojekte überprüft werden. Dazu gehört die Streichung des milliardenschweren Programms Stuttgart 2021.

  2. Einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der Steuer­einnahmen bietet der Abbau ökonomisch sinnloser Steuer­subventionen. Die wenigen schlaffen  Maßnahmen zeigen, dass die schwarz-gelbe Koalition nicht bereit ist, sich mit den ökonomischen Interessen­verbänden und Lobbyisten anzulegen. So bleibt es beim ermäßigten Steuer­satz von 7% für Hotel­über­nachtungen, der die öffentlichen Haus­halte mit knapp einer Milliarde jährlich belastet. Auch wird die Steuerbefreiung der Nutzung von Kerosin im inländischen Luft­ver­kehr nicht aufgehoben. Schließlich werden die Kapitaleinkünfte im Rahmen der Einkommensbesteuerung mit einem Abschlag von 25% bedient. Arbeitsleistungen, die mit über 25% Lohnsteuer belastet werden, werden bestraft. Leistungs­loses Einkommen wird präferiert und leistungs­orientiertes Arbeits­einkommen stärker belastet. Dieser Katalog von staatlichen Geschenken an die Wirtschafts­starken ist umfangreich.

  3. Schließlich zeigen die geplanten Maßnahmen zur Steuer­erhöhung, dass auf eine stärkere Ein­beziehung der Spitzen­verdiener und Ver­mögenden ver­zichtet wird. Da wird eine Luft­verkehrs­abgabe, die die EU vor­schreibt, nur vor­gezogen. Den Aus­stieg aus dem Plan zur Abschaltung von Kern­kraft­werken durch die Einführung einer Steuer auf Brenn­elemente anzubieten, ist gegenüber ökologischen Anforderungen an die Nach­haltigkeit un­ver­antwortlich. Die für den Bund zur Bewältigung der Haushaltskrise vorgesehene hohe Abführung von Bundes­bahn­gewinnen ist mehr als kurzsichtig. Diese Gewinne braucht die Bahn, um sie intern zur Ver­besserung des öffentlichen Mobilitäts­angebots zu nutzen.

Bei der Einkommensteuer bleibt es beim Spitzen­steuersatz von 42% bzw. 45%. Erst eine entschiedene Steuerpolitik, die bei der Last­verteilung an der öko­nomischen Leistungsfähigkeit ansetzt, trägt dazu bei, künftig staatliche Grund­aufgaben nicht mehr durch Kredite, sondern durch ordentliche Steuer­einnahmen zu finanzieren. Dazu gehören folgende Maßnahmen: Erhöhung des Spitzen­steuer­satzes auf allge­mein 45 bis 48%, die Wieder­einführung einer verfassungskonformen Vermögensteuer zugunsten der Länder sowie die derzeit nur nebulös angekündigte  Nutzung einer fiskalisch sehr ergiebigen Finanz­transaktions­steuer.

Die Schulden­falle und damit die Logik eines immer stärker durch­greifenden Sozial­abbaus lassen sich nur mit einer an der ökonomischen Leistungs­fähigkeit an­setzenden Besteuerung durchbrechen.

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Prof. Dr. Rudolf Hickel (IAW)

Last modified: Dec 19, 2011

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