Wandel der Arbeitsgesellschaft

Die Forschungsabteilung I fragt nach den Veränderungsprozessen von gesellschaftlicher Arbeit und zeigt auf, welche Entwicklungen uns zukünftig bevorstehen könnten.

Forschungsprogramm der Abteilung Wandel der Arbeitsgesellschaft (September 2021)

Gegenstand der Forschung sind Prozesse gesellschaftlichen Wandels in Bezug auf unterschiedliche Formen von Arbeit. Während hier grundsätzlich ein breiter Arbeitsbegriff verwendet wird, der etwa ehrenamtliche Tätigkeiten oder unbezahlte Reproduktionsarbeit miteinschließt, liegt der Schwerpunkt hierbei auf der Strukturierung und Regulierung von Erwerbsarbeit. Der theoretische Zugang entspricht der Perspektive einer integrierten Sozialwissenschaft und Gesellschaftsforschung unter Bezug auf soziologische, politikwissenschaftliche und politökonomische Rahmenelemente. Ein Verständnis aktueller Wandlungsprozesse (Globalisierung, Digitalisierung, Kommodifizierung) als Sequenzen einer Großen Transformation im Anschluss an Karl Polanyi begründet einen Fokus der Forschung auf die Emergenz (arbeits-) politischer Gegenbewegungen. Entsprechende Mobilisierungen untersuchen wir aus pragmatistischer und neoinstitutionalistischer Perspektive. Die einzelnen Projekte lassen sich hierbei in drei Themenkomplexe gliedern:

1. Wandel der Erwerbsbedingungen und private Lebensführung

Als Nexus der Erwerbsbedingungen verstehen wir das Zusammen­wirken wohl­fahrts­staatlicher, tarifpolitischer und betrieblicher Regulierungen und Leistungen im Hinblick auf die Gestaltung von Erwerbsarbeit und die damit einhergehenden Optionen privater Lebensführung. Den gesellschaftlichen Rahmen der Entwicklungen in diesem Bereich bilden Sequenzen der Individualisierung und Singularisierung auf dem Feld der Kultur. Mit einem Fokus auf die Prekarisierung von Arbeit gewinnt die Forschung in diesem Stream ein demokratiepolitisches Moment in zweierlei Hinsicht: Mit der Erosion des Normalarbeitsverhältnisses und der Verbreitung unsicherer Beschäftigungsbedingungen von den Rändern ins Zentrum der Arbeitsgesellschaft verliert die soziale Demokratie als Strukturprinzip kapitalistischer Gesellschaften ihre Prägekraft. Gleichzeitig verschieben sich im Wandel der Strukturbedingungen auch die Parameter der Subjektivierung durch Arbeit, wie sich nicht zuletzt im neuen Autoritarismus zeigt. Beiden Entwicklungen tragen die Projekte Rechnung vom Blickpunkt der Prekarisierungs- und Lohnabhängigenbewusstseinsforschung.

2. Formen und Akteure der Arbeitsbeziehungen

Im ausgehenden Sozialkapitalismus weist das traditionelle Arrangement der Arbeitsbeziehungen in zunehmendem Maße Erosionserscheinungen auf. Vor diesem Hintergrund untersucht die Forschung im zweiten Stream die sich verändernden Beziehungen zwischen den traditionellen betrieblichen und überbetrieblichen Akteuren wie auch die arbeits­politische Bedeutung „neuer“ Interessengruppen (Berufsverbände, Stakeholder etc.). Als gesellschaftliche Megatrends setzen den Rahmen Prozesse der Globalisierung, Digitalisierung und Kommodifizierung des Sozialen sowie der Klimawandel. Zielkonflikte entstehen hier zwischen Standortsicherung und Umverteilung, zwischen technologischem Fortschritt und Arbeitsplatzeinsparung, zwischen Naturbeherrschung und Nachhaltigkeit. Die Aushandlung von Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen im Spannungsfeld von Tarif- und Sozialpolitik, sowie mittelbar auch von Industrie- und Wirtschaftspolitik untersuchen wir vom Blickpunkt der Organisationssoziologie und Politischen Ökonomie.

3. Erwerbsarbeit im Prozess von europäischer Integration und Globalisierung

Vor allem seit den 1970er Jahren hat die Globalisierung die Struktur sozialkapitalistischer Arrangements grundsätzlich verändert. Während die Erschließung neuer Arbeitsmärkte in der Peripherie die Konjunktur der Kernländer weiter angekurbelt hat, ging mit der (angedrohten) Verlagerung von Arbeitsplätzen auch eine sukzessive Absenkung von Arbeits- und Sozialstandards einher. Für den europäischen Bereich hat die fortschreitende Integration der EU diese Tendenzen verstärkt. Unter Bedingungen polit-ökonomischer Heterogenität stellt sich die Frage, inwiefern Gewerkschaften und betriebliche Vertretungsinstanzen in der Lage sind, nationale Arbeitsmärkte vor Unterbietungswettbewerb zu schützen und/oder gemeinsame Positionen im grenzüberschreitenden Maßstab zu entwickeln. Diese Problemstellungen untersuchen die Projekte dieses Streams mit besonderer Berücksichtigung transnationaler Vertretungsorgane.

  

Mitglieder der Forschungseinheit Wandel der Arbeitsgesellschaft

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